• Lokal, banal, ganz egal?

    Lokaljournalismus hat einen schlechten Ruf und wird von der Branche oft betrachtet wie eine aussterbende Art des Journalismus. Dabei wird es endlich Zeit, ihn zu entstauben und zu modernisieren.

    Der neue Schützenkönig, das fetteste Kaninchen des Zuchtvereins oder allenfalls politischer Klüngel auf Papier. Lokaljournalismus – gern auch Bratwurstjournalismus genannt – hat ein schlechtes Image, gilt als provinziell und verstaubt. Ist diese Einschätzung sicher für viele erfolgreiche lokale Medien ein unfaire Zustandsbeschreibung, so trifft sie es leider nur allzu oft auf den Punkt. Viele Lokalblätter bleiben bei ihrer Berichterstattung oft weit hinter den Möglichkeiten des Lokaljournalismus zurück. Zeitdruck, sinkende Auflagen und zu wenig Budget werden oft als Gründe für die geringe Qualität der lokalen Nachrichtenschau herangezogen. Dabei handelt es sich beim Hauptproblem des Lokaljournalismus keineswegs um ein finanzielles im eigentlichen Sinne. Vielmehr ist vielerorts die Triebfeder, den lokalen politischen und gesellschaftlichen Kosmos einzuordnen, bewerten und kritisieren zu wollen, in den Hintergrund gerückt. Die LeserInnen werden für dumm gehalten. Vorgesetzt wird ihnen das was immer ging: Vereinsnachrichten und Lokalsport, gewürzt mit einer Prise Agenturmeldungen “Aus aller Welt” und “Stars & Sternchen”, die für NutzerInnen von Online-Medien bei Erscheinen ihr Verfallsdatum schon längst überschritten haben.

    Die ernsthafte, kritische und hintergründige Berichterstattung über Lokalpolitik bleibt dabei meist auf der Strecke. Stattdessen soll am Kiosk den etablierten Boulevard-Blättern Konkurrenz gemacht werden. Die Argumentation: “Über öde Lokalpolitik will doch keiner lesen.” Schlecht gemachten Boulevard-Journalismus und Nachrichten von gestern aber offenbar auch nicht, wie die sinkenden Auflagenzahlen kleiner Lokalblätter zeigen.

    Diese Einschätzung des typischen Lokallesers halte ich für grundlegend falsch und im Sinne der Funktion des Journalismus innerhalb einer Demokratie sogar für gefährlich. Lokalpolitik ist weder langweilig, noch haben LeserInnen kein Interesse an dieser. Die Entscheidungen, die in lokalen Gremien getroffen werden, besitzen für die potentiellen LeserInnen hochgradige Relevanz. Hier entscheidet sich, was in ihrer Nachbarschaft, ihrem Stadtteil oder Bezirk geschieht. Ebenso wie Politik auf Landes- oder Bundesebene, verbergen sich die echten politischen Entscheidungen und ihre Konsequenzen auch auf lokaler Ebene hinter Verwaltungsdeutsch und werden in mehrstündigen öffentlichen Diskussionen oder gar Hinterzimmergesprächen beschlossen. Die Pflicht des Lokaljournalismus ist es, gerade diese Sachverhalte so darzustellen, dass die LeserInnen diese nicht nur verstehen und nachvollziehen können, sondern ihnen auch die Tragweite der Entscheidungen bewusst wird.

    Politischer Lokaljournalismus wird nicht weniger gelesen, weil die Themen unterinteressant sind – vielmehr gelingt es vielen Lokaljournalisten nicht, die politischen Geschichten verständlich und spannend zu erzählen. LeserInnen wollen keinen Kuscheljournalismus über ihre lokalen politischen VertreterInnen. Sie wollen wissen, wenn Veränderungen in ihrem Umfeld geplant sind und wie sie selbst Einfluss darauf nehmen können. Sie wollen Entscheidungen selbst bewerten können. Was dafür brauchen, sind gut recherchierte und vertrauenswürdige Informationen. Da dieser Bereich mehr Einfluss auf ihren eigenen Lebensbereich hat, als die Innenpolitik der USA oder Scheidung eines Hollywood-Pärchens, spielt Schnelligkeit im Lokaljournalismus keinesfalls eine untergeordnete Rolle. Auch dieser Aspekt verlangt Umdenken. Hochwertiger Online-Lokaljournalismus kann die Ansprüche der LeserInnen heute viel eher abdecken, als die klassische gedruckte Lokalzeitung. Die Entwicklung eines solchen bietet auch die Gelegenheit die Lokalzeitung abzustauben und endlich aus der Mottenkiste zu holen. Lokaljournalismus ist nicht die traurige, graue Maus der Medien, wir haben ihn nur viel zu lange in diese Ecke gestellt. Es ist endlich an der Zeit zu zeigen, wie moderne lokale Berichterstattung im Netz und auch auf Papier aussehen kann.

    Dass bei “Mittendrin” die Bezirkspolitik das Herzstück ist, überraschte zuletzt auch die Teilnehmer der Presserunde bei Hamburg1 am vergangenen Sonntag. “Und das wird gelesen?”, fragte mich Moderator Jens Meyer-Wellmeyer (Die Welt). “Ja”, meine ich. Und mehr noch: Die Art und Menge der Berichterstattung über die Bezirkspolitik in anderen Hamburger Medien war für uns vor nun rund einem Jahr überhaupt der Grund, etwas eigenes auf die Beine zu stellen und die Rückmeldungen unserer LeserInnen treiben uns dazu an, genau damit weiterzumachen.